Wie zwei syrische Flüchtlingskinder gymnasiale Erfolgsgeschichten schreiben
Jahrelang saßen die Geschwister Rana und Hasan in Damaskus sprichwörtlich auf gepackten Koffern, 2014 dann flohen sie mit ihrer Familie vor dem Bürgerkrieg nach Deutschland. Sie landen beim Cousin der Mutter in Töging (Landkreis Altötting) – und bleiben. Dort schreiben beide besondere Erfolgsgeschichten.
Es ist diese eine Frage, um die Ranas Gedanken als kleines Mädchen kreisen: „Wird morgen noch alles gut sein?“ Sie lebt mit ihrer Familie im vom Bürgerkrieg beherrschten Damaskus, wo die Kinder nachts vom knatternden Lärm kreisender Hubschrauber geweckt werden und in der Früh über Berge von Scherben steigen – Überreste der bei Bombeneinschlägen geborstenen Fensterscheiben. Ob morgen noch alles gut sein würde, dessen konnten sich Rana und ihre drei Geschwister nie sicher sein. „Unsere Koffer waren dauerhaft gepackt“, erzählt die heute 18-Jährige. „Es gab jahrelang die Überlegung, zu fliehen“, ergänzt ihr Bruder Hasan. Als Kurden in Syrien gehörten sie einer unterdrückten Minderheit an, die systematisch benachteiligt wurde.

Alt-Neuöttinger Anzeiger, Text und Foto: Gaby Mayer
Die Eltern beschließen im Jahr 2014, Unterdrückung und Krieg zu entfliehen. Die Familie verlässt die Heimat, das große Haus, den eigenen Laden, Familie und Freunde. „Uns ging es eigentlich sehr gut“, erinnert sich Hasan, zum Zeitpunkt der Flucht acht Jahre und der älteste der vier Geschwister.
Heute ist er 20, manche Erinnerung an den Abschied aus Syrien verschwimmt, und manche Erkenntnis reift bei den Kindern auch erst später. Etwa die, „wie viel meine Eltern zurückgelassen haben“, formuliert es Rana. Der sechsköpfigen Familie gelingt die Flucht nach Europa, wo verstreut über mehrere Länder Verwandte leben.
Sie landen beim Cousin der Mutter in Töging – und bleiben. Eltern und Kinder sehen sich nach der Ankunft im fremden Land großen Herausforderungen gegenüber. Deutsch lernen, Arbeit und Anschluss finden, eine völlig neue Kultur kennenlernen. Rana und Hasan, die beiden ältesten Kinder, kommen in die Schule. Hasan, der die Grundschule in Syrien bereits bis zur dritten Klasse besucht hatte, wird noch einmal Erstklässler, wie seine Schwester Rana. Doch schnell merken die Lehrer, was in ihm steckt. Hasan überspringt zum ersten Mal Klassen, wechselt nach der Vierten auf die Realschule. Er hat viele Freunde, auch im Fußballverein – doch so richtig zufrieden ist er nicht.
„Meine Freunde im Verein haben immer vom König-Karlmann-Gymnasium (KKG ) erzählt“, sagt er, „was da alles los ist“. Er will auch aufs Gymnasium – und schafft den Wechsel. Auch auf dem KKG kommt er schnell gut klar, so gut, dass ihm in der Mittelstufe die Teilnahme am ILV-Programm (Individuelle Lernzeitverkürzung) angeboten wird. Wer sich für diese „Überholspur“ entscheidet, hat in der 9. und 10. Klasse zusätzlichen Unterricht und wird gefördert. Dann geht es – zunächst auf Probe – direkt in Jahrgangsstufe 12. Alles geht glatt, Hasan überspringt die Elfte und nimmt vor wenigen Tagen sein Abizeugnis entgegen. Davon, wie es jetzt weitergeht, hat er eine recht genaue Vorstellung: Diverse Unis hat er sich schon angeschaut, ein Wirtschaftsstudium wird es wohl werden, in Passau vielleicht, in Mannheim oder Ulm.
Für Rana ist der große Bruder Vorbild, „ich wollte schon immer das, was Hasan macht“, sagt sie lachend. Doch auch wenn das Ziel dasselbe ist – die 18-Jährige überspringt ebenfalls die elfte Klasse – geht sie den Weg auf ihre eigene Weise. Steinig ist dieser zunächst, nach der Grundschule wird sie auf die Mittelschule geschickt, mehr schaffe sie nicht, attestieren ihr manche Pädagogen.
Doch Rana lässt nicht nach, hat in der Mittelschule Lehrer, die ihr eigentliches Potenzial erkennen und wechselt nach einem Mittelschuljahr direkt aufs Gymnasium. Neben der Schule engagiert sie sich schon früh sozial, die Liste ihrer Ehrenämter ist lang. Sie gibt Nachhilfe an ihrer früheren Mittelschule, setzt sich für Unicef ein, begleitet als Tutorin die Neulinge am KKG, übernimmt Einsätze als Dolmetscherin. Ihr Engagement wird schließlich mit dem Stipendium „Talent im Land“ des Bayerischen Kultusministeriums honoriert.
Das Stipendium hilft ihr nicht nur finanziell, sondern ermöglicht ihr auch besondere Einblicke: Unlängst diskutierte sie etwa mit US-Diplomaten. Im nächsten Schuljahr steht auch für Rana das Abitur an. Danach, so die 18-Jährige, will sie Jura studieren und in die Politik gehen. Eine Veränderung in der Welt bewirken, sich für Schwächere einsetzen, das sind ihre Ziele – wohl auch, weil es Menschen gab, die sie selbst unterstützten.
Und weil es in ihrer Familie dazugehört, für andere da zu sein. Beide Eltern arbeiten mittlerweile bei der Bahn. Doch der Vater hilft außerdem ehrenamtlich als Dolmetscher anderen, Sprachbarrieren zu überwinden, „und meine Mutter arbeitet im Wohlfahrtsladen des Roten Kreuzes“, erzählt Rana. Alle sind in der neuen Heimat angekommen – doch bei den Eltern, dessen sind sich die Geschwister bewusst, ist auch zwölf Jahre nach der Flucht die Sehnsucht nach Damaskus unverändert groß.
Weil sich der gesundheitliche Zustand des Großvaters immer mehr verschlechterte, reiste Hasan mit seinem Bruder und den Eltern im April in die alte Heimat. Mit zwiespältigen Gefühlen schaut er auf die Reise zurück. „Ich lebe jetzt länger in Deutschland als ich in Syrien gelebt habe“, sagt er. In Deutschland fühlt er sich zuhause. Gleichwohl genießt er das Gefühl, in Damaskus von einer großen Familie umgeben zu sein, deren Zusammenhalt stark ist.
Die Eltern mühen sich, bei ihren Kindern die Verbindung zu ihren Wurzeln lebendig zu halten, erzählen vom Leben in Damaskus, zeigen Fotos, dass zuhause Kurdisch gesprochen wird, ist ihnen wichtig. Auch wenn sich die beiden nicht an alles erinnern können – Rana und Hasan sind sich bewusst, wie sehr sie das Erlebte, ihre Herkunft, die Flucht und der Neuanfang der Familie geprägt haben. „Flüchtlingskinder“, wie sie sich selber nennen, „müssen schneller erwachsen werden und Verantwortung übernehmen“, sagt Rana. „Man denkt an viele Sachen, die für Kinder keine Rolle spielen sollten.“ Und: Sie müssen Vorurteile und abwertende Kommentare, auch Anfeindungen aushalten. „Das habe ich schon als Kind gelernt“, sagt Rana. Während Hasan Bemerkungen zu Herkunft, Hautfarbe oder Religion an sich abprallen lässt, reagiert Rana: Menschen, die neben ihr und über sie sprechen, als könne sie nichts verstehen, lässt sie gerne wissen, dass sie Deutsch spricht, „und zwar sehr gut“.
Rana und Hasan selbst pflegen multinationale Freundeskreise. Hasan, der Kurde, nennt einen türkischstämmigen Jungen und einen Russen seine besten Freunde. Die Geschwister denken oft an ihre Kindheitsjahre zwischen Krieg und Gewalt und ihre Wertschätzung für ihre Chancen in Deutschland sei groß – größer wohl als bei vielen ihrer deutschen Altersgenossen. „Ich kann nicht glauben, wie viel Glück wir hatten“, sagt Rana. „Was wäre passiert, wenn wir noch dort wären?“ Dann würden Angst und Ungewissheit wohl noch immer ihre Gedanken beherrschen. Heute aber ist klar: Auch morgen ist noch alles gut.
Text und Foto: Gaby Mayer, ANA