Ungerecht? Notwendig? Sinnlos?
Nachgefragt in einer 12. Klasse am König-Karlmann-Gymnasium

Zukünftig müssen alle Männer, die ab 2026 volljährig werden, einen Fragebogen über ihre Bereitschaft und Fähigkeit für einen – vorerst freiwilligen – Wehrdienst ausfüllen. Mitte 2027 kommen verpflichtende Musterungen dazu – vorerst nur zu Erfassungszwecken. Das entsprechende Gesetz soll im Dezember den Bundestag passieren. Ein Thema, das seit Wochen für politische und mediale Diskussionen sorgt. Aber was sagen eigentlich jene, die direkt betroffen sind?
Bock auf Krieg hat hier definitiv keiner. So viel steht für die 25 jungen Männer und Frauen im Kurs „Politik und Gesellschaft I“ am König-Karlmann-Gymnasium fest. Vielfältig sind hingegen die Meinungen zum neuen Wehrdienstgesetz, von dem ein Großteil der männlichen Zwölftklässler betroffen wäre.
Auf die Frage, wer von ihnen sich grundsätzlich einen Dienst bei der Bundeswehr vorstellen könnte, gehen immerhin vier Hände hoch. „Ich würde eh ein FSJ machen und finde die Bezahlung interessant“, erklärt einer von ihnen. Auch seinen Klassenkameraden reizt der attraktive Sold. „Die Bundeswehr ist nichts Schlechtes“, fügt er an. Ein junger Mann aus der hintersten Reihe pflichtet bei: „Ich finde schon, dass die Bundeswehr gestärkt werden muss.“ Außerdem, so sagt er, schadet es nicht, bereits Erfahrung zu haben und zu wissen, was man tut. Denn „im Ernstfall wird man sowieso eingezogen“.
Damit hat der 17-Jährige recht. Die Wehrpflicht ist lediglich ausgesetzt, nicht abgeschafft. Im Spannungs- oder Verteidigungsfall tritt sie wieder in Kraft. Allerdings darf laut Grundgesetz selbst dann ein Dienst an der Waffe aus Gewissensgründen verweigert und Ersatzdienst geleistet werden. Richtig so, finden viele der Zwölftklässler, die ihre Hand nicht gehoben haben. „Ich finde den Gedanken einer Wehrpflicht nicht mehr zeitgemäß“, begründet einer. Schon gar nicht der Gedanke an eine Front, wie er ergänzt.
Der freiwillige Wehrdienst, wie er mit dem neuen Gesetz gefördert werden soll, dauert mindestens sechs Monate und soll den Ausbildungsfokus auf Tätigkeiten im Heimatschutz legen. Auslandseinsätze kommen nur bei einer Verpflichtungszeit von zwölf oder mehr Monaten infrage. „Erst einmal abwarten, wie es läuft“, lautet daher die Devise eines weiteren Schülers. „Ich glaube, es wird genug Freiwillige geben“, sagt er. Dann würde sich die Frage nach einer Wehrpflicht gar nicht stellen.
Ein paar Jungs in der Klasse sind gerade noch früh genug geboren, um nicht mehr von der Fragebogen- bzw. Musterungspflicht betroffen zu sein. „Das kommt uns gelegen“, formuliert einer von ihnen mit einem diplomatischen Grinsen. Er argumentiert damit, dass ein Angriff auf NATO-Gebiet unwahrscheinlich sei. Sein Kollege ein paar Tische weiter ist auch froh, sich keine Gedanken über das Gesetz machen zu müssen, tut es aber trotzdem: „Ich bin nicht so begeistert, muss da schon an meine Freunde denken.“
Sowohl er, als auch ein Klassenkamerad am Tisch vor ihm sind sich einig, dass eine Berufsarmee voller Spezialisten mehr Sinn mache. Jemand anderes bringt das gelegentlich diskutierte Deutschlandjahr ins Spiel. Also ein Pflichtdienst, bei dem die Art der Beschäftigung selber gewählt werden kann.
„Das macht schon Sinn, wenn man nicht weiß, was man sonst machen will“, sagt ein Schüler, aber schränkt ein: „Ansonsten ist es unpassend, weil schon viel Zeit draufgeht.“ Ein Mädchen hinter ihm widerspricht. „Ich finde, man kann was an den Staat zurückgeben“, meint sie und verweist außerdem auf den ohnehin bestehenden Fachkräftemangel. „Man kann was Neues ausprobieren und findet vielleicht etwas, das einem gefällt“, sagt die Schülerin. „Aber der Staat profitiert auch von einer gebildeten Gesellschaft“, argumentiert ein Mitschüler dafür, besser direkt in das Studium oder die Ausbildung zu starten.
So sieht das auch eine andere Zwölftklässlerin: „Es engagieren sich jetzt schon so viele freiwillig.“ Analog zur vorher geäußerten Aussage ihres Klassenkameraden zur Wehrpflicht, empfindet sie eine generelle Dienstpflicht ebenso als unzeitgemäß. „Man sollte niemanden verpflichten, der was anderes vorhat.“ Apropos Pflicht. Dass die, ungeachtet ihrer konkreten Ausgestaltung, in naher Zukunft auch Frauen betreffen wird, gilt aktuell als unwahrscheinlich. Fair?
An der hintersten Bank hebt ein einzelnes Mädchen tapfer ihren Arm. „Ich finde das schon interessant“, bekundet sie, der Ableistung eines Wehrdienstes nicht abgeneigt zu sein. „Man kann dabei mehr über sich selbst erfahren“, glaubt sie. Außerdem gehört das ihrer Meinung nach zur echten Gleichberechtigung dazu. Viele ihrer Mitschülerinnen sehen das anders. „Erst mal sollte man die Ungleichheit an anderer Stelle ausgleichen“, appelliert eine von ihnen. Sie beklagt, dass die Benachteiligung von Frauen in anderen Bereichen sonst auch kaum Thema sei. „Diese Diskussion um Gleichberechtigung kam erst jetzt mit der Wehrpflicht wieder.“
Ihre männlichen Klassenkameraden zeigen Verständnis für dieses Argument, finden aber, dass man aufeinander zugehen müsse. „Ungleichheit sollte nicht mit Ungleichheit bekämpft werden“, kommentiert einer. „Nur weil wo anders etwas nicht passt, ist das kein Grund, nichts zu tun“, sagt ein anderer und nennt als Vergleich Klimaschutz, wo es auch keinen Sinn mache, wenn jeder Staat erst Maßnahmen trifft, sobald alle anderen welche treffen.
„Kriegen wir dann bei der Bundeswehr auch weniger bezahlt als Männer?“, fragt seine Mitschülerin rhetorisch. „Es wäre ein starkes Zeichen der Frauen, wenn sie sagen, dass wir alle gemeinsam kämpfen“, meldet sich ein weiterer Schüler zu Wort. „Ich verstehe nicht, wieso ich einen Staat schützen soll, der nicht meine Rechte schützt“, formuliert eine der jungen Frauen ihren Standpunkt, ehe die rege Debatte vom Schulgong beendet wird.
„Das Thema wird in allen Kursen mit großer Ernsthaftigkeit und sehr reflektiert diskutiert“, berichtet Lehrer Thomas Lorenz im Anschluss lobend über seine Klassen. „Gerade die Frage der Gleichberechtigung spielt viel rein.“ Und die Debattenfreude beweise: Die jungen Leute wollen mitreden, wenn über ihr Leben diskutiert wird.
– Niklas Schneider – ANA vom 29.11.25 –